Gelesen: „Funkenflut“ von Regina Mars

Funkenflut von Regina Mars ist Krimi und Internatsgeschichte zugleich, ein Gay-Romance-Roman, in dem Chris – gerade neu ins Internat gekommen – einen rätselhaften Todesfall zu klären versucht.

Klappentext

Windumtoste Klippen, an denen sich mächtige Wellen brechen. Tiefschwarze Nacht. Hoch auf den Felsen thront das Internat Burg Rabenstein. Welches Geheimnis verbirgt das dunkle Gemäuer?
Chris würde es gern herausfinden. Aber kann ein verpeilter Chaot wie er das überhaupt? Er schafft es ja nicht mal, Julien aus dem Weg zu gehen, der zwar ein humorloser Streber ist, aber leider auch verdammt attraktiv …

Ein Mord, ein Rätsel – und ein Kuss, der die Zeit anhält

„Ich werde ihn küssen. Der Gedanke war plötzlich da und ließ mich zusammenzucken. Wenn ich nicht auf der Stelle etwas dagegen unternahm, würde ich Julien küssen, hier im Bus, vor allen. Ich biss mir auf die Lippen, um den Drang zu unterdrücken, aber schon waren unsere Gesichter sich so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte …“

Zum Buch & zur Funkenflut

Perspektive: Ich-Perspektive; der Roman wird komplett aus Chris‘ Sicht erzählt.

Chris ist ein absoluter Versager: Er hat schlechte Noten, keine tolle Freundin und der Gipfel aller Enttäuschungen – er ist schwul. Zumindest finden das seine Eltern. Die wissen das zwar schon seit langer Zeit, doch als sie Chris mit einem Jungen erwischen, schmeißen sie ihn raus. Denn so ein Sohn ist einfach kein Statussymbol. Immerhin aber nicht auf die Straße, sondern in ein Internat. Ein Jungeninternat zu Chris‘ Freude, dummerweise eines, in das auch sein ach so toller Cousin Julien geht. Der dort Schulsprecher ist. Vorzeigekind seiner Eltern, nur tolle Noten, supertolle Freundin, nicht schwul. Und den seine Eltern lieber als Sohn hätten als Chris, den Versager.

Ausgerechnet mit Julien muss sich Chris ein Zimmer teilen. Als sei das nicht genug der Strafe, legt sich Chris gleich mit einer Clique an, die Benni, einen anderen Schüler, mobben; dafür bezieht er kräftig Prügel. Nur kurz darauf macht er sich bei einer anderen Clique unbeliebt, als er Benni auch vor ihnen verteidigt, weil die ihn als „Schwuchtel“ und „Verräter“ mobben. Und zur Krönung erfährt er, dass er alle Sitzplätze, Spinde, den Internatsplatz – und sein Bett in Juliens Zimmer – von einem toten Schüler übernommen hat, der in einer stürmischen Nacht von der Klippe gestürzt ist. Aber ist er wirklich gestürzt? Chris setzt es sich in den Kopf, das Geheimnis um den toten Jungen zu lüften.

Die selbst gestellte Aufgabe ist es, die ihm in der folgenden Zeit ein Ziel und Kraft gibt. Denn irgendwo ziemlich am Anfang sagt Chris, dass das Internat ein „Mobbingproblem“ hätte. Das ist noch milde ausgedrückt. Ich musste beim Lesen einige Male hart schlucken. Besonders eine Szene im Schwimmbad und einige Erinnerungen Bennis fand ich furchtbar.

Abgesehen von diesen Szenen ist Regina Mars‘ Stil gewohnt locker, humorvoll und lebendig. Ich mochte sehr, dass man zwischendurch mit Chris zusammen quasi alle für den Tod des Schülers verantwortlich machen konnte. Ich mochte noch viel mehr, dass Chris seine Liste der Verdächtigen um Namen erweitert, weil er die entsprechenden Personen einfach nicht mag. *g*

Die Szenen zwischen Chris und Benni haben es mir auch sehr angetan. Die beiden freunden sich sehr schnell an – kein Wunder, da Chris so ziemlich der einzige ist, der nett zu Benni ist und umgekehrt. Aber aus Nettigkeit wird einfach ziemlich schnell Freundschaft.

Die Figuren

Chris ist trotz seiner Arschloch-Eltern ein gleichmäßg gut gelaunter, optimistischer Junge; offen und gerade heraus macht er weder aus seinen Abneigungen noch seinem Schwulsein irgendein Geheimnis. Er ist sehr groß, trainiert durch das Schwimme, das er liebt, und isst wahnsinnig gerne. Gleich von Anfang an ist er im Schwimmteam des Internats, so ziemlich das einzige, worin er gut ist. Durch seine Bequemlichkeit und dass er sich im Unterricht schlecht konzentrieren kann (ey, hübsche Jungs sind aber auch einfach spannender!), hat er miserable Noten.

Sein Gerechtigkeitssinn lässt ihn gerne mal erst handeln und dann denken, wodurch er auch mit Benni Freundschaft schließt. Mit seinem Cousin Julien verbindet ihn eine innige Abneigung und Rivalität, denn er bekam den Jungen schon immer als leuchtendes Beispiel vorgehalten, wie er doch bitte zu sein habe. Nur … Julien ist verdammt attraktiv, und im Internat lernt Chris eine andere Seite an ihm kennen. Mit anderen außer ihm ist Julien nämlich kein ätzender Eisklotz, sondern ein netter, warmherziger Junge, der von allen sehr gemocht wird. Als Chris das mehr und mehr bewusst wird und er – allein schon durch die Nähe zu Julien – sich mehr und mehr verliebt, erwacht die titelgebende Funkenflut. Echt, das prickelt.

Julien erscheint so ziemlich als das Gegenteil von Chris mit exorbitant guten Noten ist er Schulsprecher, er ist fleißig und hat eine tolle Freundin, die man (Juliens Eltern) ebenfalls gut herzeigen kann. In Chris‘ Gegenwart ist er arrogant, von oben herab und hin und wieder durchaus ein Arschloch, aber natürlich – man ahnt es bei einem Gay-Romance-Roman schon – ist das zur Hälfte nur Fassade. Juliens Eltern stehen Chris‘ wenig nach, was ihr Verhältnis zum Sohn betrifft, aber sie können ihn vorzeigen. Das macht wohl den wesentlichen Unterschied. Die angesprochene Hälfte der Fassade kommt natürlich daher, dass Julien bis über beide Ohren in Chris verschossen ist und das auf keinen Fall sagen kann. Die andere Hälfte … och, lies das Buch! 😀

Benni ist Zucker. Schmal, zierlich, süß und verschreckt – kein Wunder bei der Vorgeschichte, die er hat. Auch wenn ihn – aus Gründen – die größten Arschlöcher als Schwuchtel bezeichnen, ist er nicht schwul. Im Laufe des Buchs bekommt er eine eigene Romanze, und die ist … blutig? Thihihi. Er ist loyal und entwickelt durch Chris Selbstvertrauen und steht zum Schluss wütend für jemanden ein, der ihm wichtig ist. Ich mag seine Entwicklung und seinen  Nebenstrang supergerne.

Sex & Romance

Es gibt mehrere angefangene Sexszenen, die mich wahlweise haben grinsen lassen, mir ein ungutes Gefühl im Bauch bescherten oder die im Titel erwähnte Funkenflut erweckt haben.

Die vollständige Sexszene, die ich vom schreiberischen wie üblich gut gelungen finde, ist vom Inhalt her nicht meins. Ich stehe nicht auf: „Es tut sehr weh, aber mach trotzdem weiter, weil es so geil ist“. Auch von der Platzierung her fand ich sie nicht gelungen, denn einer der beiden Jungs ist schwer verletzt. Auf mich wirkte sie an der Stelle und in der Ausführung so, als müsste unbedingt noch eine Szene rein, weil man das erwartet, was wirklich schade ist. Safer Sex ist auch keinen Gedanken wert. Weder vorher noch dabei (okay, das kann ich verzeihen) noch nachher.

Die Beziehung an sich entwickelt sich aber wunderbar. Mir gefällt es sehr, wie bei Julien immer wieder trotz seiner Maske gegenüber Chris durchblitzt, wie viel der ihm bedeutet. Ich mag total gern, wie Julien ihn immer wieder beschützt, auf kleinere und größere Arten. Das Prickeln – bedingt durch die Perspektive besonders auf Chris‘ Seite – ist herrlich eingefangen. Man erfährt aber auch, wie Schlüsselszenen von Julien erlebt wurden, durch einen netten Kunstgriff von Regina Mars und eine – man kann es nicht anders sagen – Grenzüberschreitung von Chris. Aber angesichts der Ereignisse und seines Zustands sei ihm das verziehen.

Cover

Never judge a book by it’s cover? Öh, doch. Ich stehe auf tolle Cover, und ich gestehe, dass ich Regina Mars‘ Bücher gerade nach der Reihenfolge durchlese, wie gut mir die Cover gefallen. Alle ihre Cover sind toll, aber manche sind halt einfach toller. 😉 Das hier gehört eindeutig in die Top 3 (neben Verdammt Magisch und Zu ihm). Ich liebe die Farbkombination. Das tiefe Blau: die geheimnisvolle Nacht, das düstere Internat, der schemenhafte (tolle) Junge im Hintergrund – Julien. Dazu die warmen Details: die Haut von Chris, sein blondes Haar, die fliegende Krawatte, die Augen Juliens. Chris‘ Blick. Das Covermotiv hätte ich echt gern als Poster. 😀

Fazit

Ein spannender, romantischer Internatskrimi mit einer süßen, prickelnden, herzergreifenden Liebesgeschichte. Die Entwicklung des Kriminalfalls und die Suche nach dem Mörder ist spannend und wartet mit teilweise überraschenden Wendungen auf, denn irgendwie haben alle ein Motiv – außer Chris, denn der kommt ja erst nach dem Tod ins Internat. 😉 Funkenflut wartet außerdem mit wunderbaren Nebenfiguren auf, die ich schnell ins Herz geschlossen habe, und das Hauptpaar ist natürlich Zucker pur.

Spoiler hinter dem Cut.

Julien schreibt Tagebuch, und auf das greift Chris irgendwann vollkommen durch den Wind zu. Mit dem niedlichsten aller niedlichen Passwörter. Hachmach! (Nein, das ist es nicht, das ist mein Kommentar dazu. ;p) Und dadurch erfährt man Juliens Sicht der Dinge. So schön und so niedlich. Und im Hinblick auf die Szene kann ich es sogar nachvollziehen, warum Chris darauf zugegriffen hat.

In ihren Danksagungen schreibt Regina Mars, dass das Buch eventuell besser geworden wäre, wäre Julien gestorben – WOAH! NOPE! NEIN! Wer ist eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, in alle Köpfe einzuhämmern, dass der Tod einer Figur ein Buch besser macht? Dass es dadurch „anspruchsvoller“ würde? So ein Schmarrn! Und nein, realistischer ist es auch nicht. Die meisten Menschen sterben weltweit immer noch nicht an Mord und Totschlag.

Ahhhhhhhh, ich finde die Aussprache von Julien und seiner Freundin soooo süß! Denn sie ist sehr froh, als Julien ihr beichtet, dass er sich in jemand anderen verliebt hat. Sie nämlich auch – in ein Mädel aus ihrem Basketballverein. Hach!